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Software Chirurgie

Auf der Fahrt nach Budapest zur CraftConf 2015  hatten meine Frau und ich eine intensive Diskussion über den Begriff “Software Craftmanship” und wie er wohl für das passt was wir in der Software-Entwicklung machen. Es fehlten ihr die Kopfarbeit und die Voraussetzungen bzw. Ausbildung, welche notwendig sind, um in diesem Bereich erfolgreich zu arbeiten. Die Begriffe Handwerker (im Deutschen noch ganz besonders), Architekt und Ingenieur passten nicht so richtig. Wobei ich zugeben musste, dass der Letztere wohl am besten sei. Da wir in der Softwareentwicklung (noch) keine eigenen Begriffe für unsere Tätigkeiten haben, bedienen wir uns Worten aus gekannten Bereichen. Seit der ersten Konferenz über Software Engineering 1968  leihen wir uns die Definitionen aus dem Bauingenieurwesen aus. Die Wahl dieser Metaphern kann aber nur eine Annäherung sein – zu gross sind die Unterschiede. Die physischen Gesetze wie man sie z.B. beim Brücken- oder Häuserbau vorfindet, gibt es in unserem Bereich nicht. Das Serien-Produktionsproblem die es in anderen Ingenieurs-Disziplinen wie z.B. bei der Serienproduktion im Autobau auftritt – bei uns nicht vorhanden. Kopieren ist einfach.

Und dann kam der Vortrag “Beyond Features: Rethinking Agile Planning and Tracking” von Dan North und seine Frage ob wohl der Begriff der Chirurgie (engl. : surgery) besser passen könnte. Seine Überlegungen, dass ein operativer Eingriff mi­ni­mal­in­va­siv ausgeführt werden soll, passt sehr gut auf die derzeitigen Bestrebungen im Bereich von Agile, Software Craftmanship und Lean, eine Lösung einfach zu halten und nur die Dinge zu bauen, die wirklich benötigt werden.

Hier ein paar Punkte die mir in diesem Zusammenhang durch den Kopf gehen und welche jedem erfahrenen Softwareentwickler bekannt vorkommen könnten:

  • chirurgische Eingriffe müssen schnell ausgeführt werden
  • ein Chirurg muss neben einer fundierten Ausbildung gute handwerkliche Fähigkeiten vorweisen können
  • es gibt einfache und sehr komplizierte Operationen
  • Komplikationen sind keine Seltenheit und man muss situativ reagieren können
  • es ist schwierig die Dauer einer Operation im Vorfeld abschätzen zu können, insbesondere dann, wenn etwas Neues versucht wird oder der Eingriff kompliziert ist
  • ein Team von unterschiedlichen Experten arbeitet zusammen
  • die Qualität der Arbeit hängt stark von den Fähigkeiten der Ärzte ab
  • die Umgebung hat einen entscheidenden Einfluss – im Fall einer Operation muss der Raum sauber sein, die Instrumente müssen bereit liegen und die Maschinen (hoffentlich nicht veraltet) müssen funktionieren
  • es kommen Fehler vor (Instrumente verbleiben im Körper, das falsche Bein wird amputiert)
  • neue Techniken können eine enorme Bereicherung und ganz neue Möglichkeiten bieten
  • Ärzte müssen sich ein Leben lang weiterbilden (oder möchte jemand von einem Arzt operiert werden, der noch mit dem Wissen aus seinem Studium in den 90igern arbeitet?)
  • kommt ein Arzt zu einem Unfallort muss er improvisieren können
  • es bleiben Narben
  • am liebsten geht man zu den besten Ärzten, aber wenn es schnell gehen muss oder man keine Krankenversicherung hat, nimmt man den Arzt, der verfügbar ist
  • es gibt Scharlatane die Heilung versprechen
  • mit jedem Eingriff lernt man hinzu, bekommt Routine und trotz viel Erfahrung kann man es immer noch besser machen

Meiner Meinung nach kann aber die Analogie zur Chirurgie nur eine Metapher bleiben. Aber ich finde sie hat etwas.

Auch ich habe das Bild eines Arztes schon oft verwendet. Insbesondere dann, wenn ich mit unerfahreneren  Softwareentwicklern gearbeitet habe. Bei aller Theorie muss man immer im Auge behalten, dass das Ergebnis im Vordergrund stehen muss. Ein Arzt der an einen Unfallort kommt, findet dort nicht die idealen Bedingungen vor wie im Operationssaal. Trotzdem ist es seine Pflicht einem verletzten Menschen zu helfen. Und genau so ist es auch in der Softwareentwicklung. Es bringt nichts nur über die Schönheit unser Implementierung oder den richtigen Aufbau unserer Applikation zu philosophieren, wenn man für den Kunden keinen Nutzen erzeugen kann oder zu spät mit einer Lösung kommt. Im schlimmsten Fall ist der Patient tot. Im Fokus muss stehen, WAS gemacht werden muss um zu helfen – das WIE sollte man dabei aber nicht aus den Augen verlieren.

Wer gern etwas mehr Hintergrund zur Wichtigkeit von Metaphern haben möchte, dem sei das Buch “Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern” von George Lakoff und Mark Johnson empfohlen.

Auf jeden Fall werde ich versuchen richtige Chirurgen zu treffen und darüber zu sprechen. Schlussendlich bin ich in dem Bereich ein Laie. Und wenn sonst jemand Interesse hat: Einfach melden.